Harthbasel

4. Februar 2010

selten hat man

Filed under: — klaus @ 12:09

Anfang des Jahres 2005. Altes Rathaus Kleinblittersdorf. Man darf diesen Ort nicht als Ausstellungsraum mißverstehen. Man muss ihn durch kleine Ergänzungen ergänzen und durch gut platzierte Kommentare kommentieren oder umgekehrt.
Der Ausstellung zugrunde lagen Bilder der Jahre 2003 und 2004. „Selten hat man so viel über die Welt gewusst“.

Ein Rundgang durch die Ausstellung:

Gewöhnlich findet man in vergleichbaren Ausstellungen eine Preisliste, anhand derer man den Parcours abschreiten und unter anderem auch die Titel der Bilder erfahren kann.

Dies ist hier nicht der Fall.

Es geht in erster Linie um die Bilder und ihren Platz im Raum.

Deshalb also dieser Vorschlag für einen Rundgang durch die Ausstellung.

Wir beginnen im Foyer im Erdgeschoss.

Da dieser Raum auch Hinweise auf die Wintringer Kapelle und die Grafiken von Nikola Dimitrov bereithält und auch sonst noch allerlei Funktionen zu erfüllen hat, enthält er meinerseits nur einige wenige Akzente, wobei allerdings versucht wurde, die Themen der weiteren Ausstellung bereits anklingen zu lassen.

“Kurz vor dem Tod malt man oft die schönsten Bilder” ist das älteste Bild in diesem Raum und vielleicht ein Schlüsselbild zum Verständnis der gesamten Ausstellung: Ist dies jetzt ein schönes Bild? Oder ist es doch eher schlecht gemalt? Kann ein schlecht gemaltes Bild schön sein? Lebt der Maler noch?

“So habe ich mir das Leben nicht vorgestellt” ist der Titel des Bildes mit roten Ampeln, das über dem Rahmen der Tür angebracht ist, durch die wir unseren Rundgang beginnen.

Der Blick durch die Tür ist bereits der Blick auf ein 2005 entstandenes, 90×90 cm großes Bild mit Straße, Bäumen und Ampel. What you see is what you get. Klassische Landschaftsmalerei mit Vordergrund und Hintergrund und Himmel und schönen Schatten und einer Ampel, die vielleicht nie wieder umspringt und einer Vollbremsung und alles in allem ein wirkliches Idyll unserer Zeit.

Dass sich am Eingang zum Trauzimmer ein nettes Vogelbild findet, war eher dem Zufall zu verdanken; dass dies dann ein paar Meter weiter mit dem Bild “Bakterien-Liebe-Freundschaft” gekontert wird, dagegen reinste Absicht: Man sollte wissen, was einen im Leben erwartet.

Wir gehen treppauf und stoßen auf ein kleines blaues Bild mit Dame und Blindenhund.

Manchmal wird man gefragt, wie lange man an den Bildern arbeitet. Unter diesem sportlichen Aspekt betrachtet, handelt es sich hier um das schnellste Bild der Ausstellung: auf das bereits trockene, schnell angelegte Blau ca. sechseinhalb Minuten Dame und Hund. Sport hilft einem hier aber auch nicht weiter.

Das sich anschließende große rote Bild ist eines von zwei Bildern aus der Lassie-Reihe, die in dieser Ausstellung zu sehen sind. Lassie als der Gut-Hund an sich war in den Jahren 2001-2002 verstärkt Motiv der Auseinandersetzung mit der Frage, was für Bilder macht man sich von der Welt und wie funktionieren diese. Auch ein guter Hund hat seine schlechten Momente.

Weiter treppauf finden sich einige wenige, überwiegend neuere Exponate aus der inzwischen auf 628 Bilder angewachsenen Serie “einen Vogel zu haben ist besser, als nichts zu haben: das ideale Rotkehlchen”, in der das immer wieder gleiche Motiv desselben Vogels durchdekliniert und abgeklopft wird.

Ausgangspunkt war die Frage, ob sich ein Motiv für Malerei finden lässt, das aus seiner Eigenart heraus (bei dem gefundenen Vogelmotiv dann: aus seiner Nettigkeit heraus) dem Malenden genügend Widerstand bietet, um ihm immer wieder etwas Vertretbares und Neues abzugewinnen.

Da liegt der Hase im Pfeffer: Dinge zu tun, die man nicht tun darf: Blumen malen, Vögel malen, in der Tonne liegen. Nix ist selbstverständlich und über schön und gut und wahr und gelogen muss man sich erst einmal verständigen sollen dürfen müssen und wollen.

 Ein älteres Vogelgedicht leitet über zu einem neueren Vogelbild, das aber der “selten hat man so viel über die Welt gewusst” – Reihe zuzuordnen ist. Dieser Reihe zugehörig sind übrigens alle Bilder im Format 30×30 cm, die Sie in dieser Ausstellung vorfinden. Dieses Vogelbild vermittelt zu einer Baumreihe und gegenüber dieser zu einem weiteren Bild aus der Lassie-Serie.

Der Bezug zum Hinweisschild des Revierförsters ist vielleicht ein wenig zu plump, aber doch nicht ganz ohne Reiz.

Man beachte den Astwuchs der Bäume!

 

Bei den folgenden Bildern im Format 30×30 cm sollte man sich ganz der eigenen Beobachtung hingeben, Titel wie “konsequente Verbitterung und Uneinsichtigkeit” geben zum Teil interpretatorische Rahmen vor; man sieht im Leben lieber grüne Ampeln als rote, es sei denn, man ist gerade müde und möchte sich ein wenig ausruhen.

 

Claude Monets Kathedrale zu verschiedenen Tageszeiten war Ausgangspunkt für eine weitere Idee.

Arbeitsämter sind mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht die Kathedralen unserer Zeit: es fehlt das spirituelle Moment. Trotzdem sind Arbeitsämter Anlaufstelle und Orientierungspunkt für viele Menschen, wenn auch ohne gemeinschafts- und dadurch  sinnstiftende Funktion. Würde man sie im Morgen-, Mittag-, Nachmittag- und Abendlicht abmalen, ließe sich dadurch etwas über unsere Zeit sagen?

Einer der Gründe für mich, diese Ausstellung im Rathaus zu machen, war die Aussicht, die hier befindlichen Wandbilder mit ein oder zwei Arbeitsamtbildern ergänzen zu können. Nicht zu kommentieren oder zu konterkarieren, sondern einfach nur zu ergänzen.

 

Auf dem Weg treppab findet sich eine Gruppe von verschiedenen Bildern, die das Thema Ampeln und Straßen variieren. Die Allee aus Ampeln und Bäumen, eine Kreuzungsszene in gelb und grau, Ampeln in gelb verschwommenem Licht usw. usf.

Diese Bilder funktionieren ein wenig anders, als andere in dieser Ausstellung. Hier steht weniger die Frage im Vordergrund, was für Bilder wir uns von der Welt machen, mit welchen Klischees und Vorstellungen wir uns behelfen, wie Bilder und Vorstellungen überhaupt funktionieren etc.; hier geht es verstärkt um das Bemühen, vermittels Bildern über Dinge ganz direkt nachzudenken, sie sich greifbar zu machen, sich gegenüberzustellen und ihrer somit habhaft zu werden.

 

Wenn man die Straßenverkehrsordnung als System von Regeln begreift, das in einem bestimmten Zusammenhang das Zusammenleben von Individuen in einem gesellschaftlichen Zusammenhang erst möglich macht, dann gehören auch diese Bilder in direkter und übertragener Bedeutung in das Rathaus.

 

An einer Dreiergruppe mit Kreuzung, Vögeln und Vorortsiedlung vorbei geht es weiter treppab.

Ein versöhnlicher Vogel trifft uns auf den letzten Metern, bevor wir wieder den Ausgangspunkt unseres Rundganges erreichen.

 

Ich hoffe, Sie haben den Parcours mit Interesse und Gewinn und vielleicht auch Vergnügen hinter sich gebracht.

Lob, Kritik, Anregungen bitte+++ in das ausliegende Buch.

Vielen Dank.

Klaus Harth

Februar 2005

folgende Einträge fanden sich in dem ausliegenden Buch:

Warum wird die Wahrheit verschwiegen? Das Kind begommt ein anderen Namen, Warum?

 

 

Eine sehr erfrischende Ausstellung!

Ihre Anleitung zum Rundgang hat mich amüsiert.

Nur die Hängung gefällt mir nicht besonders z.B. oft zu hoch – und manchmal etwas „schnell“. Chr. H.  18. April 05

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