Harthbasel

10. Februar 2018

DER RADIOZEICHNER

Filed under: — klaus @ 15:16

 

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Zeichnung Nr. 1

Manchmal kommt es auf den Stift an. Nein, eigentlich kommt es immer auf den Stift an. In diesem Falle aber ganz besonders. Denn nur dieser Stift, ein Kugelschreiber mit extrem dünner Linie, läuft so klar und leicht über das Papier, dass unnötige Grauwerte gar nicht erst auftauchen und klare Konturen die für das Blatt wichtigen Dinge bezeichnen können. Wir müssen uns also alles sehr konturiert vorstellen. Und verspielt. Was haben wir vor uns: eine rechte Seite aus einem Skizzenbuch, etwa 25x25cm groß, dicht bevölkert von erst einmal kaum voneinander unterscheidbaren wimmelnden Klein- und Kleinstformen. Links unten ein etwas größer angelegtes Frauenportrait, nach links aus dem Blatt schauend. Sie könnte uns bekannt vorkommen. Kommt sie uns bekannt vor? Ein Pfeil von ihrem Kopf führt nach rechts ins Blatt und zu dem Namen George Sand. Darüber ein angedeutetes Wegeschild mit dem Namen „Nohant“. Links davon ein Schild mit der Bezeichnung „Nohant-Vic“ und daneben ein eine naiv wirkende Abbildung einer stilisierten Figur. Rechts davon mehrere kleine Häuser, ein Ortsschild „La Chatre“ und die Wörter „meine Häuser“. Spaziergänger, die an einer kleinen Sonne vorbeilaufen, sie könnten einer Kinderzeichnung entlaufen sein, ein Pizza-Automat, an dem kleine Autos vorbeifahren. Um nur einige Details zu nennen. Kühe in Landschaft. Bissige Hunde vor einem Schloss. Ein Kellner mit drei Gläsern auf seinem Tablett und kleine Formen, die sich als Macarons herausstellen. Käfige mit Hühnern und anderen Vögeln auf einem Markt im Norden des Blattes. Ein Tisch mit der Bemerkung: 300,- €. Eine Aktfigur auf einem Podest am linken oberen Blattende: „Musée des sculptures“. Und noch immer haben wir nicht alle Details erfasst. Die Linien hüpfen, springen und tanzen von einem Motiv zum anderen. Eine kleine persönliche Landkarte mit Urlaubserlebnissen. Manchmal nahe an der Kinderzeichnung, manchmal hintersinnig-humorvoll, manchmal einfach eine Beobachtung notierend. Locker, flott und leicht gezeichnet, um nichts anderes zu tun, als sich selbst eine Orientierung und eine Erinnerung zu schaffen, wo man was gefunden und entdeckt hat, wo es was zu sehen gab. Und diese Unbekümmertheit führt dazu, dass man auch als Betrachter Lust hat, mit den Augen auf dem Blatt spazieren zu gehen und nichts zu verpassen. Links oben, neben der Aktfigur, die einzige Stelle, wo die Konturen ausgemalt sind. Dunkel gefasste Figuren in einem gerahmten Bild, das an der Wand hängt. (Ein Bild aus einer Ausstellung in Chateauroux. Ein französisches Künstlerkollektiv hat sich hier mit Napoleon auseinander- und ihn ironisch in Szene gesetzt. All diese Informationen kann man aber der Zeichnung selbst nicht entnehmen. Man sieht einzig die Abbildung eines gerahmten Bildes mit dunklen Figuren).  Dieser dunkle Augenfänger links oben ist für das gesamte Blatt aber nicht unwichtig. Er bildet einen kleinen, flächig-dunklen Gegenpart, der verhindert, dass dann doch alles ein klein wenig zu gleich funktioniert. An diesem Fluchtpunkt scheint alles andere ein wenig Halt zu finden, bringt die Linien etwas zur Ruhe, ordnet sie, als wären sie daran festgezurrt. Und das auf ganz unscheinbare Weise. Man lässt den Blick wieder zurück gleiten und entdeckt dann noch ein Detail und noch ein anderes. Wo war nochmal der Kellner mit seinen drei Gläsern?

Wem die Zeichnung nicht genügen sollte, kann  anhand des Blattes die Gegend natürlich selbst bereisen: Ab nach Frankreich und sich in dem Dreieck zwischen Chateauroux, Bourges und Boussac bewegt. Jaques Tati hat in Ste. Sévères sein eigenes Museum und Delacroix und Chopin waren durchaus öfter zu Besuch in Nohant-Vic.

 

 

Zeichnung Nr. 2:

Hier gefällt mir schon ausgesprochen gut der Titel, wie so oft bei dieser Künstlerin: „Die wohltuenden Geräusche des Staubsaugers“. Eine Österreicherin. Und wie so oft: in Österreich ist man etwas direkter und direkter drauf. Was sieht man auf dieser Zeichnung? Sieht man auf dieser Zeichnung einen Staubsauger? Hat man den Titel noch nicht gelesen (und das ist ja wohl in den meisten Fällen so: man sieht erst einmal das Blatt, es zieht einen aus irgendwelchen, noch näher zu klärenden Gründen an oder auch nicht und dann erst schaut man nach, von wem ist das denn und was trägt das Kind für einen Namen), dann sieht man leicht schwingende klare Linien, die sich, sofern man will, zu einer Form verdichten, die sich vielleicht zuerst als eine Art „Figur mit Hut und gehobenen Ärmchen“ aufdrängen, wenn man denn überhaupt etwas darin erkennen will. Aber ja: man will unbedingt etwas darin erkennen. Die Linien sind nicht so gesetzt, dass man sich mit einer Wahrnehmung: „aaah, interessante Linien!“ zufrieden gibt. Die Linien sind interessant. Sie bilden eine interessante Figur. „Figur mit Hut und gehobenen Ärmchen“ dann aber doch nicht. Mal geschwind auf den Titel geschaut, vielleicht hilft das ja weiter: „Die wohltuenden Geräusche des Staubsaugers“. Hhmm. Einen Staubsauger kann man aber noch weniger darin erkennen als eine Figur mit Hut (und gehobenen Ärmchen). Aber diese leicht schwingenden Linien sind vielleicht mit den Geräuschen eines Staubsaugers in Verbindung zu bringen? Sind sie vielleicht sogar, aber so leise und gleichmäßig habe ich meinen eigenen Staubsauger höchst selten wahrgenommen. Der ist meist lauter und unangenehmer. Exakt: Es heißt ja auch: die WOHLTUENDEN Geräusche des Staubsaugers. Diese Zeichnung lebt also vom grafischen Reiz der ins Blatt gesetzten Form (einige sehr einfache ineinander verschachtelte Grundformen, einfache klare Linien, einige davon gekräuselt, als wolle man auf kindliche Art klitzekleinste Wellen zeichnen – interessanterweise bringt man genau dieses „Kräuseln“ mit dem „Geräusch“ aus dem Titel in Verbindung – ein Geräusch scheint ein schwingendes, kein geradLINIGES (sic!) Ding zu sein) , dem Verhältnis dieser grafischen Reize zu dem, was ich darin erkennen will und dem, was der Titel vorgibt, was es sein soll. Nichts geht 1:1 auf und genau dies erzeugt die Freude beim Betrachten dieses Blattes. „Es ist schon erstaunlich, mit wieviel Aufwand sie wie wenig erreichen!“ ist so ziemlich die härteste Kritik für einen Künstler, die man sich vorstellen kann. Der Autorin unseres Blattes gelingt das Gegenteil: sehr wenig Aufwand, sehr viel erreicht. Was gibt es Schöneres? Hier noch ein akustisches Adäquat:

 

Zeichnung Nr. 3:

Ausnahmsweise wird hier eine einzige Zeichnung aus eigener Produktion vorgestellt. Wenn man die eigene Arbeit als ein diskontinuierliches Kontinuum versteht, als ein meist tägliches Zeichnen, Aufnehmen, Uminterpretieren und Neuordnen von Welt, dann stellt sich vielleicht die Frage: wo kommt die Sache auf den Punkt? Kommt sie überhaupt irgendwo auf den Punkt? Und: ist ein Punkt denn schon eine Zeichnung, wo er doch per Definition gerade eben noch keine Linie ist? Also etwas, das sich noch nicht bewegt hat? In der Aufführung DER FALL SOLA des Liquid Penguin Ensembles (u.a. am 9.11.2017 während der ARD Hörspieltage), bei der ich als Life-Zeichner mitwirken durfte, und bei der man, grob gesagt, die Entwicklung von Sprachen, deren multimediale Verquickungen und Übersetzungen  von verbalen in musikalische und in bildnerische und von bildnerischen in verbale und musikalische undsoweiter und nochmal anders mitverfolgen konnte, gibt es eine Szene, die ich dann doch herausgreifen möchte. Es kommt, relativ zu Anfang, zu einer kleinen Meditation über das Wort „allein“. In mehreren Sprachen wird das durchgespielt, französisch, englisch, italienisch, japanisch, finnisch, deutsch und die Bedeutungen werden immer dramatischer. Von einem relativ neutralen „allein“ steigert sich das bis zu „wüst“ und „leer“ und „abandoné“, „verlassen“,“einsam“,“öd“. Währenddessen entsteht auf dem Overhead-Projektor, so langsam es geht, eine einfache Linie. Sehr sehr langsam. Extrem langsam. Eine einfache, einzige, einsame schwarze Linie auf hellem Grund, die auf der Bühne an die Rückwand projeziert wird. Von links nach rechts waagerecht gezogen. Die Musiker, eine Pianistin, ein Cellist, eine Bratschistin und ein Bassist, finden sich im Verlauf der Linie allmählich auf einem hohen vibrierenden Ton ein. Und in diesem Moment kann man die Linie hören und den Ton sehen. Da gibt es keinen Unterschied mehr. Diese Linie ist ein bewegter Punkt ist eine Linie und keine Linie. Sie kann allein und alles sein. Öd und bewegt, ein Horizont, auf oder vor dem etwas passieren könnte. Eines der einfachsten Dinge, die man tun kann. Zeichnen ist einfach. (Und man sollte hier auch erwähnen, dass man natürlich auch das Entstehen der Linie beobachten kann; sie entsteht nicht aus dem Nichts, man sieht den Zeichner über den Overhead-Projektor gebeugt stehen und man sieht natürlich auch den Schatten von Hand und Stift auf der Projektion, so wie man ja auch den Musikern beim Bedienen ihrer Instrumente zuschauen kann).  Im weiteren Verlauf des Stückes wird diese Linie dann auch wieder zu etwas anderem, um dann schließlich zu verschwinden und durch andere Linien ersetzt zu werden. Und das war aus zeichnerischer Sicht das Wunderbare an diesem Projekt: Von einem einfachen Punkt (den gab es tatsächlich auch an einer Stelle) über eine einfache Linie bis zu Portraitzeichnungen von zu Stimmen gehörenden Köpfen, die man sonst nur als Einspieler hören konnte und die Teil des Bühnenbildes waren, bis zu einem stilisierten Radio, das immer wieder auftaucht und das man als „Radio“ akzeptiert, nicht nur, weil man es dann tatsächlich auch hören kann, konnte sich das, was Zeichnung ausmachen kann, in einer recht anschaulichen Bandbreite entfalten. Eine Linie ist eine Linie ist keine Linie.

 

Zeichnung Nr. 4:

Was ich mag sind Künstler, wo man spürt, dass es ihnen um etwas geht. Wo man sieht, dass sie etwas wissen wollen. Dass sie es wissen wollen. Einer von diesen scheint mir Ralf Winkler gewesen zu sein, der unter dem Namen A.R. Penck firmierte. Weniger in seinen Gemälden als in seinen Zeichnungen scheint mir das der Fall. Man findet Blätter großer Varationsbreite. Hier werden, quasi ohne Rücksicht auf Verluste, verschiedenste Dinge angestrichelt, umgeschmiert, durchgespielt und ertestet. Vom Picasso-nahen Portrait über das Spiel mit verbalen und bildnerischen Begriffen, Gesichter, Gesichter, Gesicher, Strichmännchen, kniende Akte, Löffel und Glas, ornamentale Verwicklungen, Weltbilder. Vom gedankenerklärenden Blatt bis zur klärformenden Schmiere. Ein Blatt von vielen dabei ist Inv. Nr.: 1978.309 aus dem Baseler Kupferstichkabinett. Ein Querformat, 42×59,5cm, Bleistift. Das ganze Blatt ist voller kleiner und kleinster, schräg von links unten nach rechts oben kurz gesetzter Striche. Die Striche schwärmen von links nach rechts im Blatt. Das ist alles sehr lebendig gesetzt, nicht zu geordnet, sehr spontan, so dass tatsächlich ein sehr lebendig-bewegter Eindruck entsteht. Manche lieben ja das Wort Schwarmintelligenz, so ungefähr kann man sich das vorstellen. Kurzlineare Schwarmintelligenz als All-Over-Struktur. Dazu gesellen sich zwei weitere, eher ruhig wirkende Elemente. Im linken ersten Viertel des Blattes mehrere, wohl mit härterem Bleistift gezogene, und deshalb hellgrauer und zarter erscheinende Bewegungen von oben nach unten (jedenfalls suggerieren sie diese Richtung, wahrscheinlich weil sie am oberen Blattrand alle fast auf derselben Höhe beginnen und am unteren Blattrand auf unterschiedlichen Höhen enden). Etwas kräftiger, in der rechten Hälfte des Blattes, von der Höhe her gesehen etwa im mittleren Drittel, dunklere Spuren, die eine Pyramide zu formen scheinen, auch wenn die Form so raffiniert an Boden und Spitze offen bleibt, dass man es auch nicht unbedingt als Pyramide lesen muss. Die dunklen Partien dieser Figur jedenfalls sind auch die dunkelsten des gesamten Blattes. Von der Funktionsweise erinnert mich das ein wenig an Charles Yves „The Unanswered Question“. Nur andersrum: Hier liegt hier als Grundmuster eine nervös bewegte Lineatur zugrunde, darauf inszenieren sich zwei relativ ruhige, anders funktonierende Formen. Bei meinem akustischen Umsetzungsversuch habe ich gemerkt, dass es mit einem umgekehrten Charles Yves dann doch nicht so hinhaut: Das Dreieck, resp. die Pyramide musste aus dem gleichen Material bestehen wie die kurzen Striche, und um es schwerer zu machen, bekam es dann doch eine kleine Pause und wurde sogar wiederholt.

 

Zeichnung Nr. 5 und 6:

Hans-Georg Gadamer verortet die künstlerische Tätigkeit in seiner kleinen ästhetischen Schrift „Die Aktualität des Schönen“ zwischen den Begriffen Spiel, Symbol und Fest. Einer der Zeichner, Maler und Bildhauer des 20. Jahrhunderts, deren Spielfreude mir für ihr gesamtes Werk prägend erscheint, ist Jean Dubuffet. Seine u.a. an der Unbekümmertheit und Direktheit von Kinderzeichnungen geschulten Äußerungen leben von einer unbändigen Lust am Ausprobieren und Ausreizen von Formen, Materialien, Ein- und durchaus auch Ausfällen. Ein als Lebenswerk riesiges Kompendium grafischer und bildnerischer Einfälle. Männer mit Bärten, paysages, Hunde, Kühe, Wasserhähne. Hingekritzelt, hingeklebt und so ab Beginn der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts erfindet er jahrelang mit Hilfe seines Prinzips des l`hourloupe die komplette Welt einfach nochmal neu. Mitsamt seinem gesamten grafischen Repertoire. Kann es in diesem Werk einige wenige Lieblingsblätter geben? Kann es kaum. Es gibt viele davon. Aber ganz besonders und ganz zu Beginn meiner Beschäftigung mit Jean Dubuffet standen einige Portraits, die er in den 40er Jahren beginnend angefertigt hat. Hier insbesondere zwei Portraits des französischen Schriftstellers Francis Ponge. All diese Portraits aus dieser Zeit zeigen Personen, die dem Betrachter en face gegenüberstehen. Teils nur das Gesicht, teils als ganze Figur mit Oberkörper und Beinen. Die erste der beiden Zeichnungen zeigt eine breitbeinig vor uns stehende Figur, der untere Blattrand kappt die Figur etwa bei den Knien. Zeichnung Nr. 2 kappt die Figur unterhalb des Bauches. Beide Zeichnungen sehen auf den ersten Blick wirklich so aus, als könnten sie auch von einem Kind gezeichnet sein. Zudem beide Zeichnungen den Betrachter auf fast unverschämte Weise anstrahlen, anlächeln, ihm zulachen. Aber natürlich können es trotzdem nie und nimmer Kinderzeichnungen sein. Denn so sehr man sich auch an der Lineatur und Direktheit von Kinderzeichnungen orientieren kann, so sehr ist man doch in seiner Wahrnehmung nicht mehr Kind. Dubuffet bewegt sich 1947, als er die Zeichnungen im Juni/Juli anfertigt, kurz vor seinem 46. Geburtstag. Und so findet man in beiden Blättern Beobachtungen niedergeschrieben, die einer kindlichen Wahrnehmung nicht entsprechen (Augenbrauen, die Augen selbst usw. usf.). Die erste Zeichnung arbeitet mit flächig gesetzten Graphitspuren, die dann von dünn aber kräftig gesetzten Bleistiftlinien ergänzt werden, die die wesentlichen Charakterzüge der Physiognomie von Francis Ponge herausarbeiten. Die zweite Zeichnung, die im Titel auch („Spuren mit Tinte“) heißt, verzichtet gänzlich auf grafische Zwischenwerte und erarbeitet sich Figur und Physiognomie direkt mit groben Rohrfederstrichen in Tusche. Beide Zeichnungen zeigen einen Menschen mit einer, zumindest in dem dargestellten Moment, extrem freundlichen Ausstrahlung. Vielleicht entsprach das auch dem grundlegenden Charakter von Francis Ponge. Vergleicht man andere Portraits anderer Personen aus dieser Serie von Blättern, so scheint es hier tatsächlich zu gelingen, die Figuren nicht nur in einer äußeren Ähnlichkeit zu erfassen, sondern auch einen Teil ihres grundlegenden Charakters abzubilden. Ein bisschen erschien mir das so, als müsse man Trompete spielen, ohne Trompete spielen zu können, aber trotzdem weiß man natürlich, wie Musik funktioniert oder man pfeift einfach ein wenig in Gedanken an jemand vor sich hin.

 

 

Zeichnung Nr. 7:

Richard Tuttle. Wann ist etwas etwas und wann ist es noch nichts? 1941 geboren. Wir nehmen uns aus dem vielfältigen Werk ein Blatt aus einer Serie von 1989. Titel auf Englisch: 40 days. Wenn man alle Blätter vor sich hat, dann handelt es sich um Blatt 39. Thirtynine. Also vorletztes. Ein Blatt, aus einem Spiralblock gerissen. Am unteren Rand ist die Lochperforation nicht entfernt. Blaue Lineatur, das Blatt nervös, zum größten Teil netzartig überziehend. Wie so aus dem Handgelenk gekritzelt. Möglicherweise Kugelschreiber. Und natürlich mischt sich die Lochperoration auch ins Gespräch. Man kann sich vorstellen, dass er hier tatsächlich vierzig Tage lang. Ein Blatt nach dem anderen. Wie leicht Du bist. Dazu gesellen sich fast willkürlich gesetzt erscheinende. Gezeichnet hat. Was jetzt?: Farbflecke. Und entwickelt hat. Vierzig Tage lang in einem ähnlichen Duktus Blätter gefertigt hat, die dann als Serie. Willkürlich erscheinend gesetzte Farbflecke, Aquarell, davon könnte man ausgehen. Also durchaus eine malerisch wirkende Zeichnung. Klares Gelb, grün, blau. Eine sehr rote Form fast mittig, die so eine Art Rechteck beschreibt. Hochzartes Violett. Grau. Die Flecke haben unterschiedliche. Was bei Tuttle immer interessant ist: Größen. Wann ist etwas etwas und wann ist es noch nichts? Gelbes Zickzack am oberen Blattrand. Er war also 47/48 Jahre alt. Sieht aus wie.  Wie lange haben Sie für diese Zeichnung gebraucht? : 47/48 Jahre? Eben mal so hingekritzelt. Flecke, die aber doch keine Flecke sind. Grün auch. Ein Fleck, der von einem intensiven Orange ausgehend in einem Gelb ausläuft auch. Fast so wie beiläufig. Ist es beiläufig? Flecke als Form. Formen wie Flecke. Dabei das blaue Liniennetz nicht aus den Augen verlieren. Ein zusammenhängendes Stück, auf alle Fälle akzeptieren wir hier das Beiläufige als ein Stück. Darf das schon etwas sein? Hier hat doch niemand an der Form gearbeitet. Er wirft etwas hin und das ist es. Oder ist es noch nichts? Wo ist der Unterschied zwischen Zufall und Absicht? Ist es ein Stück? 1 Stück? Ein Stück? Ein Stück vom Glück vielleicht? SO unglaublich leicht. So leicht, dass viele denken (und sagen) mögen, dass sie das auch könnten – könnten sie auch vielleicht, wenn sie nur selbst etwas leichter wären. Alles zusammen dann schön und klar gerahmt. Und davon 40 so oder so ähnliche Blätter für so oder so ähnliche Tage. Auf meiner Gitarre klingt das (stark verkürzt) in etwa wie folgt:

 

Zeichnung Nr. 8:

Zuerst war da der Zeichentrickfilm. „Persepolis“ – aha, ich hatte keine Ahnung. Und war hingerissen. Soviel Charme und Witz und Ernst. Und so detailverliebt umgesetzt. Und dann: ursprünglich war es ein Comic. Zuerst habe ich ihn verschenkt. Und dann musste ich ihn selbst haben. Ein einfacher, klarer Zeichenstil, schwarz-weiß, klare Linien und diese meist ausbalanciert gegen schwarze Flächen. Man liest und schaut, und so wie man an dem Film sein Vergnügen an den ganzen Einfällen hatte, so hat man das auch im Buch. Wenn man eine einzelne Zeichnung besprechen will, wie wir hier in unserer Serie, welche greift man aus einer Bildgeschichte heraus? Geht das überhaupt? Gibt es eine, die typisch sein kann? Wohl eher nicht. Es gäbe einige, die ich herausgreifen möchte, und natürlich, ganz klar: das ganze Buch! Wenn ich aber an einer Seite doch beim Lesen ein wenig hängen geblieben bin, dann die Zeichnung, wo sie ihren Wiener Freundeskreis portraitiert: „EINE SPINNERIN, EIN PUNK, ZWEI WAISENKNABEN UND EINE DRITT-WELTLERIN, …“ – und genau das ist das faszinierende an dieser Seite: Wie es ihr mit den allereinfachsten zeichnerischen Mitteln gelingt, diese fünf abgebildeten Personen zu charkterisieren und tatsächlich (scheinbar) etwas von ihrem Wesen sichtbar zu machen. Man sieht die Figuren wie auf einem Gruppenfoto positioniert, Oberkörper, Kopf und ab und zu auch die Beine. Hochformat. Wie ein Schnappschuss aus dem Freundeskreis. Die Nasen allesamt längliche Haken, unten nach rechts geknickt. Der Punk hat als Einziger keinen Mund, der nur aus einer halbkreisförmig, ein Lachen oder Lächeln andeutenden Linie besteht. Der Mund des Punks ist ernst und besteht aus einem Oval, das in der Mitte durch eine Linie in Oberlippe und Unterlippe geteilt wird. Die lächelnden Foto-Münder der anderen changieren durch leichte Verschiebungen, unterschiedliche Krümmung zwischen zaghaftem, skeptischem und eher neutralem Lächeln. Fast alle haben Augen, die auch nichts anderes sind als querliegend Ovale mit jeweils einem Punkt drin (einmal als Brille runder, in den anderen Fällen zweiseitig spitz zulaufend, was natürlich der Mathematiker nicht als Oval akzeptieren würde, wir sind aber hier beim Zeichnen und nicht in der Geometrie). Einmal sind diese Punkte durch Kreise ersetzt, was den Eindruck von helleren, wahrscheinlich blau gemeinten Augen, erzeugt. Die einzige Figur, deren Augen anders gemacht sind, nämlich durch nach unten gekrümmte Linien, ist dann auch die Figur, deren Mund offener ist, ein nach oben offen liegender dunkler Viertelmond, den Betrachter unwiderstehlich anlachend: mit diesen Augen zusammen das offenste, freundlich strahlendste Gesicht von allen. Wie einfach die Kleidung charakterisiert ist, vom decolletierten Kleid der blonden Frau vorne links im Bild bis zum Pullover des Strahlemannes auf der rechten Seite rundet das Bild nur ab (wenn man auch zugeben muss, dass man hier nicht alles so genau zu benennen wüsste). Trotzdem: hier ist eine Zeichnerin am Werk, die sehr fein und genau beobachtet, und die diese Beobachtungen auf sehr einfache, wenn auch nicht minder präzise Weise zu schildern vermag. Man findet das natürlich im gesamten Buch. Und das macht einem große Freude. Hausaufgabe: Zeichne ein Selbstportrait im Stile von Marjane Satrapi. Zeichnerische Freude. Wenn auch das, was in dem Buch geschildert wird, meist keinen Grund zur Freude liefert. Man lernt, und natürlich ist das kein Nebenbei, sondern der Anlass, eine ganze Menge über die Geschichte des Irans und die Menschen, die dort leben.

 

Zeichnung Nr. 9:

Es gibt Blätter, die man nicht vergisst. Und es erschließt sich auf den ersten Blick nicht warum. Sie sind unglaublich einfach. Aber sie haben etwas, das einen berührt, das einen ins Blatt führt. Und andererseits zu einem Punkt in sich selbst führt. Zu einem wesentlichen Punkt eigener Weltwahrnehmung und -empfindung. Und manchmal stammen diese Blätter von Malern, die man ansonsten gar nicht mal so sehr schätzt, die einem in der Regel mit ihrer Malerei nicht allzu viel sagen. Und dann kommt eine einzige Zeichnung daher – und die schafft es dann. Eines dieser Blätter für mich stammt von Markus Lüpertz aus dem Jahre 1967. Ich habe es am 9. April 1995 in Frankfurt in einer Ausstellung mit Zeichnungen verschiedener Künstler gesehen und komischerweise nie vergessen. Es zeigt nichts anderes als fünf Telegraphenmasten, von links vorne nach rechts hinten durch die Zeichnung in die Ferne laufend. Stark verkürzt öffnen sie den Raum und führen drei Drähte zum Horizont und darüber hinaus. Ein hochformatiges Blatt, in etwa 62cm hoch und 43cm breit, also schon von daher eher die Dynamik betonend als die Breite und Ruhe  einer Landschaft. Das obere Drittel des Blattes bleibt leer, das Geschehen spielt sich in den unteren beiden Dritteln ab. Die kräftigen Striche sind mit Kreide und Lithokreide gesetzt, der erste Mast links, der größte, ist mit ein paar kräftigen, allerdings nur in Grautönen gehaltenen, Hieben gesetzt. (Überhaupt denkt man sich unter dem Begriff „Mast“ etwas schmaleres, hier hat man es schon von Anfang an mit etwas zu tun, was eher den Charakter eines Baumstammes hat und auch eher so aussieht). Den letzten Mast ganz am rechten Blattrand (vom linken Mast aus gesehen ungefähr in dessen halber Höhe platziert) würde man daher auch schon eher als „Stummel“ bezeichnen, da interessanterweise die Verkürzungen, die die Tiefe im Blatt erzeugen, nur an den Höhen der einzelnen Masten ausgeführt werden, die Breite der Masten bleibt vom ersten bis zu letzten hin gleich. Dies erzeugt eine merkwürdige Irritation der Wahrnehmung, die zusammen mit anderen ähnlichen Irritationen wohl den eigentlichen Reiz dieses Blattes ausmacht. Und auch die Verkürungen in der Höhe sind, die Dynamik ebenfalls betonend, als sehr stark zu bezeichnen: der zweite Mast ist fast nur noch halb so hoch wie der erste, der dritte nur noch die halbe Höhe des zweiten und Nummer vier und fünf (beide in etwa gleich hoch) schätzungsweise nicht mal mehr ein Zehntel des ersten. Desweiteren interessant (und gegenläufig zu dem, wie man es klassischerweise wohl tun würde): je weiter ein Mast entfernt erscheinen soll, desto dunkler wird er angelegt. War der erste nur grautonig, so gesellen sich schon beim zweiten zu den grauen Strichen zwei bis drei kräftige schwarze Hiebe, beim dritten überwiegt das Schwarze und bei den letzten beiden Mast-Stummeln bleibt das Schwarze fast alleine (obwohl sichtbar bleibt, dass der graue Kreidestift wohl bei allen ursprünglich war). Fünf nicht ganz waagerechte, im Vergleich schon fast zart zu nennende Linien (aus der Horizontalen leicht nach rechts unten geneigt) verorten das Ganze in einer landschaftlichen Fläche. Eine mit hellblauen Kreidestrichen hinter Mast zwei und drei am Horizont erscheinende, seitlich etwas rechtsmittig und in der Senkrechten ein gutes Stück unter der Höhe des ersten Mastes zurückbleibende relativ groß angelegte Wolke, locker umzingelt, flächig zuschraffiert, schließt die Landschaft ab. Nicht vergessen dürfen wir die nach rechts hinten verlaufenden Schatten, die jedem dieser Mast-Stämme (selbst den Stummeln) verpasst wurden. Sie sind  natürlich nicht alle korrekt im selben Winkel, wer hätte das bei diesem Blatt auch erwartet? Aber: Sie schaffen zusätzlich zur starken perspektivischen Verkürzung einen ungeahnten Sog in die Dreidimensionalität, einen Realitäts-Kick in unserer Wahrnehmung. Der Kopf des unvoreingenommenen Betrachters will Perspektive sehen und eine Landschaft, in die er vermittels einer Reihe von Telegraphenmasten zum Horizont hin geführt wird. Das sieht er auch. Aber gleichzeitig sieht er auch recht grob hingehauene Striche, nonchalante Verletzungen dessen, was er sich so normalerweise in der richtigen realen Landschaft durch seine Seh- und Wahrnehmungs- und Interpretationswerkzeuge als Wirklichkeit zurechtbastelt. Hier kommt also jemand und haut mir mit einfachsten Mitteln eine Wirklichkeit hin, von der ich einerseits ganz deutlich sehe, wie sie gemacht ist (und wie unverschämt frech sie gemacht ist, dieser jemand macht sich gar nicht erst die Mühe und sagt: guck mal, wie geschickt ich dich und deine Äuglein zu täuschen vermag, im Gegenteil: dieser Stamm ist eigentlich ein Mast und diese dicken Linien da oben sind die Drähte dran) —  Alles ist so durchschaubar klar, einfach und grob und trotzdem tricksen mich eine Hand voll rudimentär beachteter Regeln dermaßen aus, dass ich sehe, dass das, was ich sehe, nicht das sein kann, was ich sehe, es aber trotzdem glauben muss (und auch will). Und blau sind ja eigentlich auch nicht die Wolken, sondern der Himmel drumrum. Aber das ist dann auch schon egal und gleichzeitig so überzeugend vorgetragen und schön, fast wie in einer Kinderzeichnung.

 

Zeichnung Nr. 10:

Eine ebenso einfache wie komplzierte Zeichnung. „Quelle im Strom“. Hier hilft der Titel vielleicht wirklich, um es sich besser vorstellen zu können. Ein Querformat, was, wie man sich ebenfalls vorstellen kann, besser zu dem Eindruck des Fließens und des Stromes passt als ein Hoch- oder quadratisches Format. Man stelle sich desweiteren vor: fließende Linien. Einfache, untereinander gesetzte Linien, die sich an keiner Stelle des Blattes  überschneiden. Einfache Linien heißt desweiteren auch: schwarze Linien, die zwar geringfügig in ihrem Tonwert schwanken können, primär aber als schwarze, recht gleichbleibende und gleichwertige Linien wahrgenommen werden. Am oberen Blattrand beginnt alles mit einer ersten Linie vom linken zum rechten Blattrand. (Natürlich auch interessant: Warum stelle ich mir es von oben nach unten wachsend vor? Warum stelle ich es mir überhaupt „wachsend“ vor?) Dann folgen sechs weitere dazu halbwegs parallel verlaufende Striche. Man kann es sich auch nicht anders vorstellen, dass diese Linien natürlich nicht allzu schnell gesetzt, sondern mit einer – zumindest mittleren Geschwindigkeit – wenn nicht so gar bedächtig gezogen wurden. Aber der achten Linie von oben beginnt sich die Parallelität aufzuheben, es kommt zu einem leichten Bogen zur Blattmitte hin, der sich nun, von Linie zu Linie etwas stärker ausprägt. Das alles steigert sich jetzt ausgesprochen schnell und läuft darauf zu und verdichtet sich, wird kürzer in seinen Bewegungen und umspült das graphische Ereignis, was die eigentliche „Quelle im Strom“ darstellt: Eine Art Knubbel aus drei stehenden, also von in der Senkrechte ausholenden s-förmig gebogenen Schwüngen. Diese „Quelle“ findet sich auf etwa halber Höhe des Blattes und in der Horizontale leicht rechts der Mitte. Also: Knapp an der Mitte vorbei, aber auch knapp am Goldenen Schnitt vorbei – eine Platzierung, die keine Beruhigung zulässt, eine größtmögliche Spannung erzeugt, möchte man sagen, aber das trifft es nicht so ganz richtig, vielleicht sollte es besser heißen: die keine Beruhigung zulässt. Und kaum haben wir uns von oben nach unten an der Quelle vorbei bewegt, beruhigen sich auch die großen parallelen Linien wieder, allerdings vehalten sie sich nicht ganz so, wie die oberhalb der Quelle. Hier hat man im linken unteren Blattbereich einige größere Schwünge, die man, liest man die Zeichnung von links nach rechts, bereits deutlich als Vorankündigung der Beunruhigung sehen muss. Das Quell-Ereignis kommt nicht aus dem „Off“ – „es“ strömt durchaus darauf zu, um sich in einer plötzlichen 3-fach-s-förmigen Verdichtung zu entladen und dann leicht nach oben wieder wegzufließen. Vielleicht sollte man diese beiden Leserichtungen des Blattes sowieso im Auge haben: einmal die geschichteten und sich verdichtenden Parallelen (die Mathematiker mögen verzeihen, dass die Zeichner das hier durchaus schon Parallelen nennen) von oben nach unten (von mir aus auch wahlweise von unten nach oben) und einmal die Entwicklungen, die von links nach rechts stattfinden (in der klassischen, im Abendland verbreiteten, Leserichtung – und hier gibt es kein Vertun: der Strom läuft hier von links nach rechts durch`s Blatt: die leichte Neigung der Parallelen abwärts zur Quelle hin im oberen Blattteil und die großen, nach oben zielgerichteten Schwünge im unteren Blattteil lassen keine andere Betrachtungsweise zu). Wir sehen also: ein sehr einfaches und gleichzeitig überaus raffiniert gebautes Blatt. Deshalb eine meiner absoluten Lieblingszeichnungen von Paul Klee.

Und zum Schluss nochmal kurz zu der Frage, warum ich es mir überhaupt von oben nach unten wachsend vorstelle: So muss es wirklich nicht entstanden sein. Vielleicht ist es sogar schlüssiger, wenn man sich vorstellt, dass die Quelle auch die Quelle des Blattes war und alles andere drumherum gebaut wurde. Ich halte das sogar für sehr viel wahrscheinlicher. Unsere ursprüngliche schichtweise Betrachtung von oben nach unten hilft vielleicht, sich das Blatt vorzustellen, ist aber vom kompositorischen Aspekt her kaum zeichenbar. (Was nicht heißen soll: generell nicht möglich.) Denke ich an ein akustisches Äquivalent dieser Zeichnung, dann wird es schwierig: Denn ich kann es fast nur umgekehrt sehen, so, als sei dieses Blatt die perfekte zeichnerische Umsetzung der Anfangssequenz aus Dvoraks Moldau. Und jetzt löse sich mal einer von dieser Vorstellung!

 

Zeichnung Nr. 11:

Zeichnung als Spur von Bewegung in der Zeit. Hier haben wir jemanden, für den das, und genau das, das wesentliche Thema seiner Arbeit war. Zum Teil ging das so weit, dass er seine Blätter auch so benannte: z.B. „28.1.60  19.35 – 19.46 h“. Dies ist aber nicht das Blatt, das uns hier interessieren soll. Viele Blätter sind also wirklich reine Spuren der Geschwindigkeit. Gesetzt aus einem Material, das sich auch möglichst leicht bewegen lässt, Eitempera, Tusche, verdünnte Ölfarbe etc. meist auf glatten Kartons und Papieren. Nun tauchen, etwa während eines New-York-Aufenthaltes 1964, Formen auf, die zwar auch unter dem Diktat einer gewissen Geschwindigkeit hingeschrieben werden, aber tatsächlich der vorgefundenen Umgebung entnommen werden. So etwa Wassertürme, Teile von Industrieanlagen, technischen Apparaten, Stromkabel etc. Sie fügen sich vortrefflich in ein erarbeitetes abstraktes Formvokabular und wecken im Betrachter gegenständliche Assoziation und Erinnerung. Spannend wird es dort, wo sich diese vorgefundenen Realitätsreste wieder abstrahieren und wir bei Linien, die uns an Scheibenwischer und Stromabnehmer von Straßenbahnen erinnern, trotzdem zwischen der Wahrnehmung einer „reinen Linie“ und eines Gegenstandes hin und herpendeln. Die Zeichnung, die wir heute betrachten wollen, erinnert an das, was wir zwischen dem Dach von Zügen, bzw. Straßenbahnen und der stromführenden Oberleitung wahrnehmen, den sogenannten Stromabnehmer. Jetzt haben wir schon eine ungefähre Vorstellung dessen, was wir uns Form denken können. Denken wir uns ein Hochfirmat 108x75cm. Denken wir uns dazu schwarze dünne Linien aus Tusche leicht schräg quer verlaufend. Denken wir uns kräftigere schwarze Linien in der Senkrechten, einmal links, einmal rechts im Blatt, an Kabel erinnernd, moduliert in ihrer Breite. Denken wir uns ins graue changierende Linien, vor allem aber, auch wiederum sehr gegenständlich, also fast Dreidimensionalität simulierende, ebenfalls grau variierende langgestreckte Flächen – man könnte sich dicke Kabel vorstellen oder Röhren, sowas in der Art. Es folgen im unteren Teil zwei sich diagonal überkreuzende dünne Linien. Und einige das Ganze verunklärende (aber nie die erkennbare Ordnung aufbrechende) weitere Linien, oben rechts zu einem ordentlichen Bündel gewickelt. Was dieses Blatt spannend macht ist, dass es sich halt nicht primär um die Abschilderung einer bestimmten Situation (dem Stromabnehmer) handelt. Es aber auch genau dies sein könnte. Wir erliegen dem graphischen Spiel zwischen Linienstärken und Grauwerten und könnten als als rein ungegenständliches Blatt wie ein Stück Musik genießen. Was es darstellt, müsste uns nicht interessieren. Und wir sehen einen Stromabnehmer, der sich nicht in allen Details so 100%ig erklärt, aber durch angedeutete Dreidimensionalität sich uns seine Körperlichkeit und Präsenz geradezu aufdrängt. Auch dem kann man sich kaum entziehen. Und nun springt das, gerade weil es den Stromabnehmer nicht fotorealistisch abschildert (aber sehr nahe dran ist), hin und her und her und hin zwischen Linie und Kabel und Röhre und Fläche und Kringel und Aufwicklung und wir werden einfach nicht müde, es zu betrachten, weil unser Kopf sich nicht entscheiden kann. Und ich bilde mir ein, sogar zu sehen, dass diese Linien eher in einem langsamen Tempo gesetzt wurden. Und auch das spielt eine Rolle.

 

Zeichnung Nr. 12:

Das Glück liegt im Detail. Eine Zeichnung, die uns faszinierten soll, braucht keine hochtrabenden Themen, keine Ideen, keine Weltanschauungen. Halt doch, vielleicht doch: Weltanschauung! Und zwar: Dich schau ich mal an du Welt. Wie siehst du denn aus? Und um mir das mal genauer anzugucken, nehm ich mir den Zeichenstift und mache mir ein Bild von dem, was ich da sehe. Obwohl ja manche gesagt haben, man solle sich kein Bildnis machen. (Und vielleicht hatten die ja auch einen Grund dazu.) Karl Hubbuch macht sich zeit seines Lebens viele Bilder von dem, was ihn umgibt: Dem Leben und Treiben der 20er und 30er Jahre, Menschen auf den Straßen und in Cafés, Städten, die er besucht, Kopfkissen, Menschen, die in der Akademie Modell stehen. Und von diesem kleinen Ensemble aus Mokkatasse und Zubehör. Was sehen wir? Wir blicken leicht von schräg vorne auf ein  mehrfach geschwungenes silbernes Servier-Tablett aus Metall (fünf Schwünge, nicht rund, von der Grundform eher oval), das den gesamten oberen linken Bildraum beansprucht , worauf ein kleines, ebenfalls metallenes, Milch-Kännchen platziert ist, das von seiner Form her sehr gut zu dem Tablett und von seiner Größe her wohl eher in ein Caféhaus passt: Platz für quasi eine Portion Milch. Nicht zu vergessen: Das Milchkännchen spiegelt sich  in der Servierplatte, und das, könnte ich mir vorstellen, könnte die Initialzündung für die gesamte Zeichnung gewesen sein: die Freude an der Darstellung der Spiegelung des Kännchens. Der Zeichner sitzt im Café, hat den Kaffee getrunken und möchte schildern, was ihm an diesem kleinen Ensemble Freude macht. Vorne rechts, in der Blatthöhe ziemlich genau im mittleren Drittel des Querformates (22,5 x 27cm) dann die Mokkatasse, die, trotzdem sie dem Blatt den Titel gibt, eher an eine heute gebräuchliche Espresso-Tasse erinnert, unter Mokkatasse stellt man sich in der Regel eher etwas geschnörkelteres und verzierteres vor. Die Tasse auf ihrem passenden Unterteller, in der Form klar und streng, am oberen Tassen- und am Tellerrand ein dunkler, in der Form aber ebenso klarer, Zierstreifen. Hinter der Tasse ragt nach rechts noch ein abgelegter Kaffeelöffel hervor. Das alles in einer für Hubbuch typischen Manier gezeichnet: sehr klar setzt er die Formen, und es ist ihm dabei egal, dass man z.B. durch die Tassenwand die Vorzeichnung des Untertellers auch später noch erkennt. Das heißt: Er skizziert die Formen und es macht ihm nichts aus, dass man hinter dem Detail im Vordergrund auch noch die anskizzierten Linien eines Gegenstandes im Hintergrund sehen kann. Ebenso legère geht er auch mit den Formen um: die Tassenrundung hat oben einen anderen Durchmesser als am Boden. Das ist so nicht in der wirklichen Wirklichkeit – in der Wirklichkeit der Zeichnung spielt es erstens mal keine Rolle, wir wissen ja, wie eine Mokkatasse (resp. Espressotasse) aussieht, das muss er uns nicht exakt schildern. Mit ein paar parallelen Schraffuren und ein paar Dunkelheiten in den Wölbungen von Servierplatte und Milchkännchen (insbesondere aber durch die Spiegelung des Kännchens) macht er uns allerdings unmissverständlich klar, dass beide Gegenstände nicht aus Holz geschnitzt, sondern aus einem silbrig glänzenden Metall sind. Und die Tasse eben nicht. Diese Ökonomie der Mittel, diese Genauigkeit der Schilderung bei gleichzeitiger Nonchalance in der Darstellung macht einen der Reize dieses Blattes aus. Und: dass hier ein Moment aus dem alltäglichen Erleben herausgegriffen ist, der ein bisschen so funktioniert wie in dem oft gerühmten Gedicht von Brecht: an das Gesicht der geküssten Geliebten erinnert er sich nicht mehr so genau, aber dass da oben, sehr weit oben eine Wolke war, macht den Augenblick unvergesslich. Vielleicht dann doch noch ein kurzer akustischer Eindruck, wie ich mir das Entstehen dieses Blattes vorstellen könnte.

 

Zeichnung Nr. 13:

Das ist sehr interessant. Nun gibt es einen Zeichner, der mir als jungem Menschen zu einer bestimmten Zeit Halt und Orientierungspunkt war, an dem ich mich abgearbeitet habe wie an keinem anderen, von dem ich hier nun auch ein Blatt besprechen möchte, und was passiert: ich kann mich für keines entscheiden. Nicht weil ich sie alle so überragend gut finde, sondern weil ich keines mehr finde, das meine damalige Faszination (auch für mich selbst) noch wirklich nachvollziehbar macht. Hegel geht in seiner Ästhetik von einer Entwicklung der Künste aus. Er benennt drei Phasen, die die Künste durchlaufen: eine archaische Phase, eine klassische Phase und eine romantische Phase. Kurz angerissen meint das in etwa Folgendes: In der archaischen Phase ist der Ausdruckswunsch größer und umfassender als die technischen (handwerklichen und künstlerischen) Fähigkeiten, die dem gegenüberstehen. Es wird eine Form gefunden, die als Form zwar funktioniert, aber nur ansatzweise das ausdrückt, was hätte gesagt werden können. Zur klassischen Phase hin haben sich technische und künstlerische Fertigkeiten verfeinert und weiter ausgeprägt, so dass es zu den glücklichen Momenten kommt, wo Form und Inhalt absolut identisch sind. Wie gesagt: größtes Glück für alle. Und da es so viel Freude macht und so gut funktioniert, bekommen die Künstler so großen Spaß an der Form, dass diese in der letzten Phase überwiegt, das Wichtigste wird, d.h.: um was ging es eigentlich noch gleich? Ach egal: guck Dir mal den schönen Schnörkel und das geile Blau da hinten an! Und ein bisschen so ein Fall scheint mir dann doch mit Abstand gesehen mein früher Fix- und Orientierungspunkt Horst Janssen. Einer, dem das Gucken und das Zeichnen selbst schon immer das eigentliche Thema waren. Und mit der Zeit schien selbst das Gucken, das ihm doch selbst immer das Höchste war, immer weniger wichtig. Er rutscht in das, was er bei anderen immer so sehr angeprangert hat: das Wiederkäuen einer gehabten Idee wird bei ihm zu einem Aufgeilen am Schnörkel, zum Wiederkäuen der gehabten Schraffuren und Linien, zu einem immerwährenden Kreisen um einmal Gefundenes, durchaus die Freude an der Linie, wenn man es positiv ausdrücken möchte, aber es wurde immer manierierter, kreiste immer mehr um sich selbst als um das Vergnügen des Abbildens, des Transformierens von etwas Sichtbarem aus der wirklichen Welt in die Zweidimensionalität des Zeichenblattes. Das Gucken geht verlustig und alles dreht sich nur noch um ein interessantes Gekurve. Am Anfang der Laufbahn gibt es durchaus noch derbe und widerborstige Linien. Unterschiedliche Dinge, die ausprobiert werden. Entdeckerfreude. Und dann nur noch Manier. (Obwohl man rückblickend sagen muss: auch wenn es widerborstig daherkam, war es doch vielleicht auch immer einen Tick zu elegant.) Was für mich aber bleiben wird ist Janssens Sentenz über das sogenannte „Geistige“ in der Kunst (bezugnehmend auf Kandinsky, klar), wo er, sich auf u.a auf Breughel-Skizzen beziehend schreibt: das Geistige in der Kunst erkenne er etwa auf dem kleinen Stückchen Papier, auf dem Pieter Breughel Billionen Tonnen Alpengranit, von der 3. in die 2. Dimension gebracht, nach Hause trage, man erkenne es vor allem in dem absichtslosen, reinen und unspekulativen, von höchst intelligentem Arrangieren und Komponieren freien Erfassen und Begreifen der Welt vermittels des Zeichnens. Und allein für diese Sentenz gehört Horst Janssen hier erwähnt, wenn es ihm selbst in seinem Werk auch wohl höchstselten gelungen ist. Ich sehe da viel Wollen fast von Anfang an. Vielleicht musste er auch immer wieder so sehr dagegen anschreiben, gerade weil er gespürt hat, dass es ihm in seinem Zeichnen nicht gelang. Weil er vielleicht dann doch ein ganz anderes Naturell war. Wenn es ihm ansatzweise gelang, dann vielleicht noch am meisten in der Folge DIE KOPIE. Vielleicht in drei oder vier Landschaften aus Schweden. Und wenn ich mir jetzt vielleicht dann doch ein Blatt aussuchen würde, dann das Blatt vom 5.6.71, 17x24cm klein, eine Landschaft aus dem Tessin, zeigend: „Madesimo“ (Bleistift, Farbstifte, dunkeltonige Farben, einfach gesetzte winzige Häuschen mittleren Vordergrund). Vielleicht gelingt mit statt einer Beschreibung einfach auch eine kleine Vertonung.

Hier also der erste Versuch der Vertonung dieses Blattes:

 

Zeichnung Nr. 14:

Es gibt Zeichner (bzw. Künstler), die bleiben einem lange Zeit fremd. Und dann geht irgendwo ein Türchen auf und dahinter entfaltet sich plötzlich eine ungeahnte und interessante Welt. So ging es mir mit Joseph Beuys, insbesondere mit seinem zeichnerischen Konvolut THE SECRET BLOC FOR A SECRET PERSON IN IRELAND. Heute, dreißig Jahre nach dieser ersten Begegnung, fällt es mir schwer, ein einziges Blatt herauszugreifen, weil es derer einfach zu viele sind, die einer Erwähnung hier verdient hätten. Bei THE SECRET BLOC handelt es sich um eine Ansammlung von Blättern, die von Beuys immer wieder der laufenden Produktion entnommen und die er für sich selbst zurückgelegt hat. So findet man hier Blätter von 1945 bis 1976; ein Kompendium an Themen und graphischen Umsetzungen, in dem man sich betrachtenderweise immer wieder verlieren und dabei doch selbst wiederfinden kann. Das Blatt, um das es heute hier gehen soll, stammt aus dem Jahr 1953, in dem von Heiner Bastian herausgegebenen Katalog handelt es sich um Blatt Nr. 106. Ein Hochformat, 296x209mm groß, Bleistift auf chamoisfarbenes geripptes Schreibpapier. Mit dem für Beuys oft typischen Titel versehen: ein sehr langer Gedankenstrich mit einem Fragezeichen dahinter. Dieser oft benutzte Titel hilft uns also auch erst einmal nicht weiter, lässt uns mit dem Blatt und dem, was darauf zu sehen ist,  allein – und das ist auch gut so. (Manchmal gibt es auch „richtige“ Titel zu den Blättern, beispielsweise DEAD MAN oder SELBST IM GESTEIN oder HASENFRAU oder THE TRAGIC MOMENT OF THE WHALE. Das ist oft sehr direkt, manchmal öffnet es einen Interpretationsraum in eine andere Richtung als vermutet.) Was nehmen wir nun also wahr? Ich habe dieses Blatt nicht zuletzt deshalb ausgesucht, weil es ein wenig untypisch ist, (wenn man das überhaupt sagen kann bei all dem Formen- und Ideenreichtum dieses BLOCs). Es zeigt am unteren Bildrand, leicht links von der Mitte, ein von schräg oben gesehenes einfaches und offenes Boot, keine Ruder, keine Paddel, das, mit dem Heck zum Betrachter, an einem, so muss man wohl die leichte Strichfolge von links nach rechts interpretieren, mit Schilf bewachsenen Ufer liegt. Das Boot ist fast realistisch aufgefasst, unter Berücksichtigung einer gewissen Perspektive, man möchte fast sagen „darstellerisch“. Rechts vom Boot einige zarte nervöse Linien, die tatsächlich die leicht gekräuselte Wasseroberfläche verdeutlichen. Das gerippte Schreibpapier sorgt für leicht verwischt wirkende Grauwerte im Umfeld des Bootes, dem Schatten des Bootes auf dem Wasser und im Bereich des Schilfs. Jetzt haben wir fast ein romantisches Bildmotiv: Boot am Ufer. Fast schon ein Bildmotiv aus einer gewissen abgegriffenen populären Bilderwelt (zu der auch der oft zitierte röhrende Hirsch gehören würde). Nun ist es natürlich interessant, dass Beuys diese abgegriffenen Motive wie den Hirsch oder auch den Schwan dieser sinnfreien Populärbilderwelt immer wieder weggenommen und einer anderen Bedeutung zugeführt hat – aber eigentlich ist das nicht ganz richtig so: er hat sie nicht entnommen: er hat sie einfach benutzt und sie ernst genommen und völlig ungeachtet dieser populären Bilderwelt falscher Vorstellungen von Leben und Sein aufgegriffen. Ebenso wie er das auch mit dem Bild „der Frau“ tut, das völlig anders funktioniert als in all der Kunst zuvor. Zurück zu unseren Boot: Aus dem Boot heraus, über dem Boot, bis in die mittlere Hälfte des Blattes reichend (die obere Hälfte bleibt vollkommen frei) entzündet sich ein Wetterleuchten aus dunklen, krakeligen, energisch-energetisch hin und her zuckenden Linien. Die Außenwand des Bootes und diese Linien sind die dunkelsten und damit auffallendsten Stellen in dieser Zeichnung, gehören sichtbar zwingend zueinander, sind untrennbar, die Linien entstehen quasi aus dem Boot heraus. Im Gegensatz zu den anderen Lineaturen, die wir als etwas Gegenständliches dechiffrieren können, gelingt uns das hier allerdings nicht. Hier muss es sich um etwas anderes handeln. Um etwas nicht Beschreibbares. Um etwas, das dem Boot (und vielleicht auch dem, was man damit machen kann) eine Bedeutung gibt, die über das hinausreicht, was wir normalerweise sehen, wenn wir am Ufer ein Boot sehen. Ein Gespür für etwas. Eine Energie. Eine Kraft. Gedanken, die wir mit einem Boot verbinden. Diese dunklen krakeligen Linien werden zum Hintergrund hin abgefangen und ergänzt durch eine weitere, etwas ruhigere krakelige Struktur, die ebenfalls nicht dechiffrierbar ist, vielleicht eher zu der Landschaft gehört, aber auch das bleibt offen und ist nicht wirklich klar. Jedenfalls verbindet sie Boot und die Energie über dem Boot und das Land. Soweit in etwa die Beschreibung, jetzt noch einmal zurück zum Titel: Ein Gedankenstrich, vielmehr ein sehr langer Gedankenstrich, dahinter ein Fragezeichen. Diese Zeichnung gibt keine Erklärung. Was stellt sie nun dar? Mehr als ein Boot am Ufer auf alle Fälle. Als Betrachter darf ich also nicht erwarten, dass mir hier etwas erzählt oder geschildert wird. Ich selbst bin mit meiner Wahrnehmung gefordert und muss Dinge in Bewegung setzen. Vielleicht muss ich sogar nachdenken. Ich bekomme nichts vorgekaut und vorverdaut. Vielleicht lande ich mit meinen Gedanken bald bei der Überquerung des Styx, vielleicht baue ich mir demnächst ein Floß und überquere den Rhein bei Düsseldorf. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei einem Boot um ein urmenschliches Fortbewegungsmittel handelt, ähnlich archetypisch wie die Zeichnungen in den Höhlen von Lascaux.

 

Zeichnung Nr. 15:

Eine unglaubliche Ruhe. Und Leichtigkeit. Einer, der eigentlich ein Maler ist. Von dessen Werk meistens die Ölbilder bekannt sind. Der aber genauso Radierungen geschaffen hat. Und Aquarelle. Und Zeichnungen. Von der Motivwahl  auf weniges beschränkt (von einigen jugendlichen Experimenten mit Kubismus, Surrealismus etc. mal abgesehen, aber da ist seinerzeit wohl kaum jemand dran vorbeigekommen): Einfache und klare Landschaften aus der Umgebung, wo er gewohnt hat. Keine Personen. Und natürlich seine Stilleben: ein Leben lang immer wieder neue Kombinationen aus den ein und selben einfachen Formen. Keiner, der beunruhigt in der Gegend umherrennt. Oder die Welt bereist. Einer, der zuhause sitzt und sich mit dem Wesentlichen zufrieden gibt. Und wie es oft so ist, wenn man sich ein Leben lang auf das Wesentliche beschränkt: die Dinge werden immer noch einfacher. Es reichen ein oder zwei kurze Pinselbewegungen, eine klitzekleinleise Farbnuance, um eine Kanne von einem Becher zu unterscheiden, einen Baum von einem Haus. Die erste Zeichnung, die ich von ihm gesehen habe, war die Abbildung einer Landschaft aus dem Jahre 1922. Ein Querformat, ein paar einfache Dorfhäuser mit halbhohen Mauern davor, alles sehr klar gezeichnet, fast überdeutlich formuliert, klare Trennung von besonnten und beschatteten Partien, und dabei gleichzeitig durch eine sehr feine und gleichmäßig durchgezogene Schraffur der Schattenpartien in ein merkwürdig diffuses, man möchte meinen: mittägliches Licht getaucht. Die Zeichnung war damals in einem Kunstanleitungsbuch zum Thema Tonwerte und Stimmung abgedruckt. Eine Zeichnung, die ich nie vergessen habe. Nicht zuletzt auch wegen der Klarheit und Ruhe, die sie ausstrahlt. Diese Klarheit und Ruhe zeigen auch seine Stilleben. In den gezeichneten Versionen, auf die Farbe verzichtend, die man für sein eigentliches Handwerkszeug halten könnte, scheint er in der Herangehensweise fast noch radikaler. Diese Zeichnungen sind nicht, wie oft bei Menschen, die zuerst Maler sind, Vorstudien oder Nachgedanken zu den Gemälden. Sie sind ein eigenständiges zeichnerisches Annähern an dieselben Motive, die in seinem sonstigen Schaffen (die Radierungen vielleicht ausgenommen) ebenso ihrer eigenständigen Ausdrucksmöglichkeiten bedürfen wie in der Zeichnung. Viele Blätter wären hier beispielhaft und interessant. Das hier gewählte Beispiel von 1964 zeigt folgendes: Wir haben vor uns ein hochformatiges kleines Papier (etwas mehr als DIN A5), auf das mit einem Bleistift gearbeitet wurde, der eine sehr grobkörnige Linie erzeugt. Angedeutet sind zwei hochformatige, hintereinanderstehende, für Morandi typische Gegenstände: vorne eine Art Vase mit einem Fuß und in der Mitte rundbauchig geformt und einer flaschenhalsartigen Öffnung nach oben. Den Gegenstand dahinter, eher rechteckig, allerdings auch mit angedeuteter leichter Rundung und verziertem Fuß, überragt die Vase im Vordergrund ein weniges, hat wohl auch so eine Art Deckel –   man kann das allerdings, ausgehend von dem angedeuteten Linienmaterial, nicht deutlich entziffern, sondern nur erahnen. Das gesamte Enseble befindet sich seitlich mittig im Blatt. Im unteren Viertel des Blattes befindet sich links in halber Höhe nur die Signatur des Zeichners, der vordere Gegenstand beginnt erst auf der Höhe dieses ersten Blattviertels und das gesamte Motiv endet wenige Zentimeter angenehm unter der oberen Blattkante. Dass die Linie sehr grobkörnig gehalten ist, wurde bereits erwähnt. Man muss sie sich desweiteren in einem moderat dunklen Grauton vorstellen, nicht zu zart hingehaucht, sondern so, als hätte sich da eben jemand einen klaren Gedanken notiert, ohne jetzt aber alles zu sehr betonen zu wollen. Was den gewissen Pfiff dieses Blattes nun ausmacht: Man kann also einerseits das sehen, was beschrieben worden ist: Vase und Gegenstand dahinter. Je nachdem, wie sich das Auge gerade fokussiert, kann man aber auch einfach nur drei getrennt mit Bleistift markierte Formen sehen, die auf dem Blatt übereinander montiert sind. Denn Morandi zeichnet nicht die Vase im Vordergrund am Stück, er umfasst mit seinem Stift nicht die gesamte Form, sondern lässt den bauchigen Teil der Vase einfach als leeren Raum stehen. Ebenso sind flaschenartiger Hals der Vase und oberer Teil des hinteren Gefäßes quasi in einem einzigen Zug, an einem Stück, gezeichnet. Darüber schwebt ein langgestrecktes und links offenes Rechteck, am Fuße des Ganzen eine etwas komplexere Form aus nach oben offenem Trapez, dessen linke Linie doch leicht geschwungen das Bauchige der Vase zart anklingen lässt, rechts drei unterschiedlich große Rechtecke angeklebt hat, die man als Verzierungen des hinteren Gegenstandes ausmachen kann. Es entsteht dadurch ein Vexierspiel mit möglichst wenig Mitteln, nicht dass man die Vase suchen müsste, aber wenn man sich das obere Liniengebilde alleine als Form zu Gemüte führt, dann könnte dies auch etwas völlig anderes sein als die Umschreibung von Vasenhals und Gegenstand dahinter, ein merkwürdig geformter an der Wand hängender Sack etwa. Ähnlich einem der Objekte von Franz Erhard Walther. Aber das wäre nun doch eine ganz andere Richtung. Alles in allem enthält dieses kleine Blatt vielleicht 56cm Linienmaterial, wir wissen, was wir sehen sollen, und trotzdem ist es wie so oft: je weniger auf so einem Blatt zu sehen ist, desto schwieriger ist es zu beschreiben. Oder sich vorzustellen.

 

 

 

 

Zeichnung Nr. 16:

 

 

 

 

Nr.1: Reisewegskizze aus einem Skizzenbuch von Lisa Borscheid.

Nr.2: „Die wohltuenden Geräusche des Staubsaugers“ von Maria Lassnig

Nr. 3: Linie aus DER FALL SOLA (aus der eigenen Produktion)

Nr. 4: A.R. Penck, um 1972/73, 42×59,5cm, Bleistift, Inv. Nr.: 1978.309 aus dem Baseler Kupferstichkabinett

Nr. 5 und 6: Jean Dubuffet, 2 Portraits Francis Ponge, 1947,  Juni 1947, Bleistift auf Papier, 35x25cm und Francis Ponge traits à l`incre, Juni-Juli 1947, 42x26cm

Nr. 7: Richard Tuttle, 40 Days, 39. Blatt, Kugelschreiber (?) und Aquarell auf Papier. Abreißblock-Perfo sichtbar. 1989

Nr. 8: Marjane Satrapi, Zeichnung aus Persepolis, Ausgabe Edition Moderne, S. 168, Portrai der Wiener Freunde

Nr.9: Markus Lüpertz, Ohne Titel, 1967, Fett und Lithokreide auf Zeichenpapier, 60,9×42,9cm

Nr.10: Paul Klee, Quelle im Strom

Nr.11: KRH Sonderborg, Zeichnung von 1975,  108x75cm

Nr.12: Karl Hubbuch, Mokkatasse, Crayon Conté auf Papier, 22,5x27cm

Nr.13: Horst Janssen, „Madesimo“, 5.6.71, Farbstifte, Bleistift, Papier, 17x24cm

Nr. 14: Joseph Beuys, aus A SECRET BLOC, Blatt Nr. 106,  29,6×20,9cm, Bleistift auf chamoisfarbenens Schreibpapier

Nr. 15: Giorgio Morandi, Stilleben, Bleiftift, 24,2x17cm

Nr. 16: Olaf Metzel

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