Harthbasel

23. April 2009

plakate und schreibarbeiten

Filed under: — klaus @ 07:44

PLAKATE UND SCHREIBARBEITEN  hieß eine Ausstellung, die im Saarländischen Künstlerhaus vom 7.5. – 18.6.1995 stattgefunden hat. Sie gehört zu den Ausstellungen, an die ich mich äußerst gerne erinnere. Anbei die Abbildungen aus dem die Ausstellungen begleitenden Katalogheft, das noch immer über mich oder das Künstlerhaus Saarbrücken bezogen werden kann.

Die in dieser Ausstellung versammelten Arbeiten umspannen – mit einer größeren Unterbrechung – den Zeitraum von 1991 bis 1995.

Sie beschäftigen sich alle mit der Thematik des bildnerischen Umgangs mit Schrift, sowohl auf der Ebene von Schrift als gegebenem Formpotential, als auch von Schrift als Träger von Information. Erste Ideen dazu entstanden 1991, die u.a. in den Arbeiten „Streichel-Einheiten“, „Die Handschrift des Genies“ oder etwa „Hervorragend ist fast schon untertrieben“ ihren Niederschlag fanden.

Angeregt wurden diese durch eine aus der Musik kommende Fragestellung: Das Klacken der einhundert Metronome eines Gyögrgy Ligeti wird in unserer Wahrnehmung plötzlich zu etwas anderem, ebenso geht ein Wort, unendlich oft hintereinander gesprochen, zeitweise seiner eigentlichen Bedeutung verlustig und wird akustisches Ereignis, eine Folge von befremdlich anmutenden Klängen.

Was lag also näher, als dieses Phänomen anhand von zeitungs-Schlagzeilen (diese schienen in Form und Inhalt am meisten mit dem Alltag verknüpft, am meisten vertraut) bildnerisch zu untersuchen:

Wann flutscht der Inhalt weg und die Form wird zur eigentlichen Information? (Doch wird es trotzdem ständig hin und her kippen).

1993 taucht ohne direkten Anknüpfungspunkt an diese ersten Versuche, aus einer ganz anderen Ecke herkommend, Schrift ein weiteres Mal auf: jetzt als handgeschriebener Text auf einem vorgefertigten und in jeglicher Hinsicht zu schnellem Verbrauch bestimmten Industrieprodukt: Einzelteilen von Großflächenplakaten.

Wichtig war hier in erster Linie, etwas zu tun, was man eigentlich nicht tun darf. Jeder kennt die Kombination von Schrift und Bild aus anderem Zusammenhang (etwa den verwendeten Plakaten selbst, aus Presse, Funk und Fernsehen); hinzu kommt, daß z.B. gerade digitale Bildverarbeitung heute vieles möglich macht, von den vielfätigen und beschworenen Möglichkeiten virtueller Realitäten wollen wir hier gar nicht erst reden.

Wer geht da hin und schreibt?

Von Hand?

Doch gerade das war’s: Ein zum schnellen Verbrauch bestimmtes Industrieprodukt unserer Tage wird umgewertet, gerade indem ihm Langsamkeit und Anachronismus des Schreibvorganges entgegengehalten wird.

Was entsteht nun daraus? Sind das nun neue, andere Plakate? Gar Gebrauchsgraphik? Wer oder was ist dieser Inhalt überhaupt?

Entsteht aus den disparaten Ebenen, dem Text, dem Bild, der in den letzten Plakaten noch hinzukommenden Zeichnung, ein komplexes Ganzes? Ergänzt sich vielleicht sogar die Art des Tuns zusammen mit den Inhalten der Texte und dem letztlich vorliegenden sichtbaren Resultat zu einer komplexen Aussgage? Oder scheint dies nicht möglich?

Bei den verwendeten Texten geht es in erster Linie um Fragen zur problematik des Erstellens von Bildern selbst, Problemen der Abstraktion, des Dekonstruktivismus u.ä.)

Nicht zuletzt aus den in diesen Blättern gewonnenen Erkenntnissen heraus entstehen bald erste Blätter mit der Schreibmaschine.

Diese nutzen ebenfalls Texte, teilweise auch einzelne Zeichen, um auf spielerische und gleichwohl konzentrierte Art und Weise bereits in den Plakaten und den Fotokopiearbeiten von 1991 auftauchende Fragen teils neu, teils anders anzugehen.

„Die geheimen Überzeugungen und die unterschwelligen Stimulierungen aller Art, von der Politik bis zur Werbung, steuern die friedliche und passive Übernahme von ‚guten Formen‘, in deren Redundanz der Durchschnittsmensch sich ohne Anstrengung beruhigt. Man kann sich deshalb fragen, ob die moderne Kunst, wenn sie zum ständigen Zerbrechen der Modelle und Schemata erzieht – indem sie sich als Muster und Schemata die Vergänglichkeit der Modelle und Schemata erwählt und die Notwendigkeit zur Abwechslung in ihnen, nicht nur von Werk zu Werk, sondern im Innern des Kunstwerks selbst -, nicht ein pädagogisches Instrument mit befreiender Funktion darstellen könnte; und in diesem Falle würde das, was sie tut, über den Bereich des Geschmacks und der ästhetischen Strukturen hinausreichen, um sich in einem größeren Zusammenhang einzufügen und dem heutigen Menschen eine Möglichkeit zur Selbstfindung und Autonomie zu zeigen.“ (Umberto Eco, Das offene Kunstwerk)

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